ZUM BIENNALE-MOTTO #SCHÖNLÜGEN


Die Lüge hat seit jeher den Ruf, Gesellschaften zu gefährden. Vor Gericht gilt es, "die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit" zu sagen. Lüge im großen Maßstab, als Leitinstrument des Politischen, als Propaganda ist nicht erst seit dem 20. Jahrhundert (und nicht erst seit der Wahl Donald Trumps) von kriegsentscheidender Bedeutung.

Gleichzeitig wird die Lüge als Zeichen von Intelligenz und Phantasie geadelt: Schon der Held der Odyssee ist ein brillanter Lügner, der seine Gegner täuscht und überlistet. Wir zeigen Sympathie für die Pinocchios, Münchhausens, Eulenspiegels und Felix Krulls dieser Welt. In der Psychologie heißt es, Selbstbetrug führe zu Phobien oder Depressionen, doch in Ibsens Wildente hält eine Figur dagegen: "Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen sie ihn gleichzeitig um sein Glück".

Im Motto der diesjährigen Wuppertaler Literatur Biennale #SchönLügen klingen die "Schönen Künste" an. In einem Wort gelesen, erinnert es daran, dass man Dinge "schönreden" kann. Gleichzeitig führt es schon durch seine Schreibweise den Assoziationsraum des Internets mit sich. In sozialen Netzwerken dient der Hashtag in Form des Doppelkreuzes dazu, Nachrichten mit bestimmten Inhalten oder zu bestimmten Themen auffindbar zu machen.

Der aktuelle Gebrauch des Adjektivs "postfaktisch" signalisiert, dass die Möglichkeiten der Unterscheidung von Fakten und Fiktion zur Disposition stehen. Was sind Fake-News? Wer erzählt welche Geschichte und wer welche Fakten? In der Ur- und Frühphase des Internets herrschte noch die Vorstellung, mehr Information werde die Menschen mündiger machen. Mittlerweile ist die Verbreitung von Hate Speech, Lügen und Diskriminierungen aller Art ein dominanter Teil dieser "Information" geworden. Das Netz, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem aktuellen Buch Die große Gereiztheit, kommt der Bestätigungs-Sehnsucht des Menschen sehr entgegen. Jeder kann sich seinen eigenen Resonanzraum schaffen (und dadurch, in gewissem Sinne, auch selbst belügen). In dieser Fragmentierung der Öffentlichkeit sieht Pörksen eine Gefahr für die Demokratie. Nicht von ungefähr bemüht er den Begriff "Aufklärung" und macht sich für die Ausbildung einer neuen "Medienmündigkeit" stark.

Kunst und Literatur ermöglichen es, sich die Wirklichkeit in ihrer Komplexität anzuverwandeln. Ihr Kern ist die Fiktion, der schöne Schein, die Lüge. Doch "Kunst", so Friedrich Nietzsche, behandelt "den Schein als Schein, will also gerade nicht täuschen, ist wahr." #SchönLügen verweist auf Verborgenes, Verdrängtes. Die Qualität von Literatur ist es, eben dieses Verdrängte und Verborgene, das Ausgegrenzte in der Fiktion greifbar zu machen. Die Literatur wie die Lüge erfindet, träumt, phantasiert - kann in dieser Funktion überlebenswichtig sein - und entblößt dabei ihre tiefere Wahrheit.

Torsten Krug © Gregor Eisenmann
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Torsten Krug © Gregor Eisenmann

Torsten Krug

Torsten Krug ist Theaterregisseur, Musiker und Autor. Er lebt seit 2006 in Wuppertal.

Torsten Krug © Gregor Eisenmann
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